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Philosophisches
I.
Stadtpläne
mein
leben gleicht einem stadtplan
ein
gewirr scheinbar ungeordneter
nebenstraßen
und gassen
-
und nicht alle führen zur hauptstraße
eine
schnellstraße führt durch die stadt
ich
fand sie nie
kreuzungen
einige übersichtlich
andere
verworren
nicht
zu überblicken
wie
oft verfuhr ich mich
doch
irgendwie
erreichte
ich immer wieder
eine
hauptstraße
großstadt
oder kleinstadt
(oder
auch dorf)
gleicht
nicht jedes leben
einem
stadtplan
finden
wir stets unser
ziel
(November
1998)
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Philosophisches
II.
Unendlichkeit
Unter
mir
Die
Wärme
Eines
sonnendurchtränkten Tages.
Über
mir
Das
Glitzern
Der
Unendlichkeit der Nacht.
Geht
es Dir
Auch
so wie mir?
Obgleich
ich erkenne Großen Wagen und Abendstern
Wird
mir trotzdem bewußt
Die
unbegreifliche Unendlichkeit
Und
meine
Unendliche
Nichtigkeit.
Wie
viele Menschen liegen wie ich
Im
gleichen Moment,
Mit
gleichen Gedanken,
Und
sind sich ihrer Nichtigkeit bewußt?
Jetzt,
da ich dies ahne,
Komme
ich mir
Nicht
ganz so verloren
Und
unbedeutend vor.
(November 1998)
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Philosophisches
III.
Zeit
haben
Zeit
haben
für
sich selbst,
zur
Selbstverwirklichung, wie es so schön heißt.
Gehört
auch in den Tag hineinleben,
einfach
die Seele baumeln lassen
dazu?
Oder
muß Zeit,
weil
sie
für
ein Menschenleben knapp bemessen
so
genutzt werden,
als
könnte jeder Tag der letzte
sein?
Ist
Zeit teilbar
in
Zeit,
die
Dir von anderen gegeben wird,
in
Zeit,
die
man anderen gibt,
weil
gemeinsame Zeit doppelt
zählt?
Wie
alt
muß
ein Mensch werden,
um
all diese Fragen beantworten zu können,
um
sagen zu können:
Ich
habe sie genutzt -
Die
Zeit.
(November
1998)
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Philosophisches
IV.
Staunen
Ich
lese:
Der
Mauersegler erreicht eine Geschwindigkeit
von
288 km/h, der Mensch mit dem Rennauto 644 km/h
und
die Erde beim Umrunden der Sonne 108 000 km/h.
Ich
staune.
Ich
lese:
Die
größte lebende Pflanze, ein Baum in Kalifornien,
ist
112 Meter hoch.
Die
Elefantenschildkröte wird 150 Jahre alt.
Der
Blauwahl kann 10 000 Kilogramm schwer werden.
Es
sind 800 000 Insektenarten bekannt.
Ich
staune.
Ich
weiß:
Mein
Herz schlägt in meinem Leben 2 759 Millionen mal.
Es
pumpt in dieser Zeit 189 Millionen Liter Blut
durch
96 900 Kilometer Adern,
die
dadurch der Lunge ermöglichen, 332 Millionen Liter Luft
zu
verarbeiten.
Ich
weiß es - und ich staune nicht.
Warum
eigentlich?
(Januar
1999)
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Nie
sah ich ...
Nie
sah ich eine stolze Blume,
auch
keinen arroganten Stein,
fühlt´
keine dumme Ackerkrume,
spürt
keinen coolen Sonnenschein.
Ich
kenne keine geilen Blätter
und
schmeckt´noch nie verlog´nen Wein,
erlebt´noch
nie gestreßtes Wetter,
das
niederging am feigen Rain.
Mit
diesen ganzen Attributen
Schmückt
sich der Mensch nur ganz allein.
(November
1998)
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Medien
170
000 Quadratkilometer tropischer Regenwald
wurden
auch 1998 durch Brandrodung vernichtet.
Nicht
schön - aber es sind ja
nur
Pflanzen.
16
000 ölverschmierte Vögel verenden am Strand
der
Nordseeinsel Amerun durch auslaufendes Öl der "Pallas".
Nicht
schön - aber es sind ja
nur
Tiere.
100
Jahre benötigt das Meer, um die Plastmüllberge
vor
der italienischen und französischen Rivera abzubauen.
Nicht
schön - aber es ist ja
nur
Wasser.
Täglich
sterben 35 000 Kinder der "dritten" Welt
an
Hunger und durch Hunger erzeugte Abwehrschwäche.
Nicht
schön - aber haben die nicht sowieso Überbevölkerung?
Infolge
eines Verkehrsunfalls, hervorgerufen
durch
den betrunkenen Fahrer,
starb
in Paris Prinzessin Diana.
Wie
tragisch! Welt trauere um die
"Königin
der Herzen"!
(Januar
1999)
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WEGGEFÄHRTEN
Nun,
da
sich mein Leben
dem
letzten Drittel zuneigt, versuche ich,
mich
an die Weggefährten meines Lebens
zu
erinnern.
Und
seltsam:
Es
waren viele,
doch
blieb mir keiner so in Erinnerung,
daß
ich sagen könnte,
er
war mein Freund.
Ich
fange an,
zu
begreifen,
was
meinen Weg so erschwerte
und
fürchte mich
vor
der Einsamkeit.
(November
1998)
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SPIEGELBILD
Vertrautes
Gegenüber
in
fröhlichen und traurigen Augenblicken,
Begleiter
meines Lebens.
Prüfend
erforscht
mein Auge
graue
Haare und Falten,
beobachtet
die Finger,
die
ein störendes Haar
vom
Ohr zupfen.
Wie
froh bin ich,
daß
ich meinem Spiegelbild
gegenübertreten
kann,
Auge
in Auge
ohne
den Blick senken zu müssen.
(Februar
1999)
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GESCHÄRFTE
SINNE
mit
meinen
weitsichtig
gewordenen augen
erkenne
ich plötzlich
bisher
nie erblickte
details
mit
meinen
hellhörig
gewordenen ohren
höre
ich jetzt
nie
zuvor gehörte
töne
untertöne
zwischentöne
warum
spricht
mein herz nicht ebenso an
auf
die veränderten signale
kann
es nicht
oder
will
es nicht
hat
es sich
denn
nicht gleichermaßen entwickelt
wie
auge und ohr
(Februar
1999)
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SIRENEN
im
krieg
bevor
die
flugzeuge
dröhnten
die
bomben
detonierten
der
keller
zusammengepferchten
angstschweiß
gebar
warnten
uns
die
sirenen
wer
warnt
mich heute
im
frieden
(Februar
1999)
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Kriegskinder
Als
wir
die
Sirenen nicht mehr hörten,
wurden
wir
ruhiger,
fröhlicher.
Lange
noch
aber
kehrte sie zurück
in
unseren
Träumen:
die
Angst.
(Februar
1999)
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OPFER
- TÄTER
einige
wochen
brauchte
ich
um
abstand zu gewinnen
von
meiner
AKTE
jetzt
frage
ich mich
was
brachte meinen IM dazu
mich
zu bespitzeln
mich
zu entwürdigen
mich
zu einem vorgang zu machen
ist
er nur
TÄTER
oder
ist er nicht auch
OPFER
(Februar
1999)
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WENDE
Viele
Jahre
wurde
mein Handeln
gegen
Unfähigkeit, Willkür und Dummheit bestimmt durch
ZORN.
Menschen
wenden das System,
das
neue System wendet auch Menschen.
Opfer
und Widerstandskämpfer gibt es nun zu Hauf.
Ich,
diese wundersame Wandlung registrierend, fühle
VERBITTERUNG.
Ich
erlebe das System des bisherigen "Klassenfeindes",
beobachte
kritisch, versuche zu leben,
und
registriere: man kann gut leben, wenn man sich anpaßt,
und
manches scheint besser, als gedacht.
Ich
kann und will nicht leugnen mein
ERSTAUNEN.
Jahre
nie gekannten Wohlstandes
gehen
einher mit Herzlosigkeit, Kälte, Oberflächlichkeit
und
der Erkenntnis, daß der Unterschied zwischen
beiden
Systemen nicht sehr groß, da die Menschen
die
gleichen bleiben.
Dies
erkennend, bemerke ich in mir zunehmende
GLEICHGÜLTIGKEIT.
Zorn,
Verbitterung, Erstaunen und schließlich
Gleichgültigkeit,
wie
verschieden voneinander und doch
miteinander
sind sie verknüpft.
Ich
analysiere meine Wende und frage mich:
SOLL
ES DAS SEIN?
(Januar
1999)
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Straßenkinder
Ahnend,
was
diese Gesellschaft hervorzubringen im Stande ist,
wissend,
daß
Leben - "das Wertvollste, was der Mensch besitzt" -
nicht
immer lebenswert ist,
sah
ich vor kurzem Bilder
von
Straßenkindern in
Deutschland.
Ohnmacht
ergriff
mich, auch Wut,
aber
auch
Dankbarkeit.
Dankbarkeit
darüber, daß meine Kinder die Straße
so
nie
kennenlernten.
(November
1998)
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VIDEOTHEK
DEMOKRATIE oder
AB
18 JAHREN FREIGEGEBEN
O
homo, hetero, ob bi,
wir
zeigen alle Formen.
Ob
vaginal, anal, oral,
für
uns gibt´s keine Normen.
Erlaubt
ist alles, was gefällt,
entscheidend
ist, es bringt uns Geld.
Wir
kennen keine Schranken
für
Freiheit und Gedanken.
Auch
allerneu´ste Renner
für
Psychos und für Penner
mit
kleinen Kindern und mit Vieh,
hereinspaziert,
wir haben sie
-
die Videothek "Demokratie".
(November
1998)
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APPETIT
Seit
ich weiß,
daß
ich alles haben kann,
wenn
ich
Geld
habe
oder
mich
verkaufe,
um
Geld zu haben,
damit
ich
alles
haben kann,
fehlt
mir der rechte Appetit,
um
mich
an
dem zu freuen,
was
ich haben kann
und
was ich habe.
(November
1998)
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Stadtpläne
Unendlichkeit
Zeit
haben
Staunen
Nie
sah ich ...
Medien
Weggefährten
Spiegelbild
geschärfte
Sinne
Sirenen
Kriegskinder
Opfer-
Täter
Wende
Straßenkinder
Videothek
Appetit
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