Hans-Dieter Dohrmann

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Gereimtes und Ungereimtes

Philosophisches

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Philosophisches I.

Stadtpläne

 

 

mein leben gleicht einem stadtplan

ein gewirr scheinbar ungeordneter

nebenstraßen und gassen

- und nicht alle führen zur hauptstraße

 

eine schnellstraße führt durch die stadt

ich fand sie nie

kreuzungen einige übersichtlich

andere verworren

nicht zu überblicken

 

wie oft verfuhr ich mich

doch irgendwie

erreichte ich immer wieder

eine hauptstraße

 

großstadt oder kleinstadt

(oder auch dorf)

gleicht nicht jedes leben

einem stadtplan

finden wir stets unser

ziel

 

 

(November 1998)

 

 

ñ

   

Philosophisches II.

Unendlichkeit

 

 

Unter mir

Die Wärme

Eines sonnendurchtränkten Tages.

Über mir

Das Glitzern

Der Unendlichkeit der Nacht.

Geht es Dir

Auch so wie mir?

Obgleich ich erkenne Großen Wagen und Abendstern

Wird mir trotzdem bewußt

Die unbegreifliche Unendlichkeit

Und meine

Unendliche Nichtigkeit.

 

Wie viele Menschen liegen wie ich

Im gleichen Moment,

Mit gleichen Gedanken,

Und sind sich ihrer Nichtigkeit bewußt?

Jetzt, da ich dies ahne,

Komme ich mir

Nicht ganz so verloren

Und unbedeutend vor.

 

                          (November 1998)

 

ñ

   

Philosophisches III.

Zeit haben

 

 

Zeit haben

für sich selbst,

zur Selbstverwirklichung, wie es so schön heißt.

Gehört auch in den Tag hineinleben,

einfach die Seele baumeln lassen

dazu?

Oder muß Zeit,

weil sie

für ein Menschenleben knapp bemessen

so genutzt werden,

als könnte jeder Tag der letzte

sein?

Ist Zeit teilbar

in Zeit,

die Dir von anderen gegeben wird,

in Zeit, 

die man anderen gibt,

weil gemeinsame Zeit doppelt

zählt?

 

Wie alt

muß ein Mensch werden,

um all diese Fragen beantworten zu können,

um sagen zu können:

Ich habe sie genutzt -

Die Zeit.

 

 

(November 1998)

 

ñ

   

Philosophisches IV.

Staunen

 

Ich lese:

Der Mauersegler erreicht eine Geschwindigkeit

von 288 km/h, der Mensch mit dem Rennauto 644 km/h

und die Erde beim Umrunden der Sonne 108 000 km/h.

Ich staune.

 

Ich lese:

Die größte lebende Pflanze, ein Baum in Kalifornien,

ist 112 Meter hoch.

Die Elefantenschildkröte wird 150 Jahre alt.

Der Blauwahl kann 10 000 Kilogramm schwer werden.

Es sind 800 000 Insektenarten bekannt.

Ich staune.

 

Ich weiß:

Mein Herz schlägt in meinem Leben 2 759 Millionen mal.

Es pumpt in dieser Zeit 189 Millionen Liter Blut

durch 96 900 Kilometer Adern,

die dadurch der Lunge ermöglichen, 332 Millionen Liter Luft

zu verarbeiten.

Ich weiß es - und ich staune nicht.

Warum eigentlich?

 

 

(Januar 1999)

 

ñ

   

Nie sah ich ...

 

 

Nie sah ich eine stolze Blume,

auch keinen arroganten Stein,

fühlt´ keine dumme Ackerkrume,

spürt keinen coolen Sonnenschein.

 

Ich kenne keine geilen Blätter

und schmeckt´noch nie verlog´nen Wein,

erlebt´noch nie gestreßtes Wetter,

das niederging am feigen Rain.

 

Mit diesen ganzen Attributen

Schmückt sich der Mensch nur ganz allein.

 

 

(November 1998)

 

ñ

   

Medien

 

 

170 000 Quadratkilometer tropischer Regenwald

wurden auch 1998 durch Brandrodung vernichtet.

Nicht schön - aber es sind ja

nur Pflanzen.

 

16 000 ölverschmierte Vögel verenden am Strand

der Nordseeinsel Amerun durch auslaufendes Öl der "Pallas".

Nicht schön - aber es sind ja

nur Tiere.

 

100 Jahre benötigt das Meer, um die Plastmüllberge

vor der italienischen und französischen Rivera abzubauen.

Nicht schön - aber es ist ja

nur Wasser.

 

Täglich sterben 35 000 Kinder der "dritten" Welt

an Hunger und durch Hunger erzeugte Abwehrschwäche.

Nicht schön - aber haben die nicht sowieso Überbevölkerung?

 

Infolge eines Verkehrsunfalls, hervorgerufen

durch den betrunkenen Fahrer,

starb in Paris Prinzessin Diana.

Wie tragisch! Welt trauere um die

"Königin der Herzen"!

 

 

(Januar 1999)

 

ñ

   

WEGGEFÄHRTEN

 

 

Nun,

da sich mein Leben

dem letzten Drittel zuneigt, versuche ich,

mich an die Weggefährten meines Lebens

zu erinnern.

 

Und seltsam:

Es waren viele,

doch blieb mir keiner so in Erinnerung,

daß ich sagen könnte,

er war mein Freund.

 

Ich fange an,

zu begreifen,

was meinen Weg so erschwerte

und fürchte mich

vor der Einsamkeit.

 

 

(November 1998)

 

ñ

   

SPIEGELBILD

 

 

Vertrautes Gegenüber

in fröhlichen und traurigen Augenblicken,

Begleiter meines Lebens.

 

Prüfend

erforscht mein Auge

graue Haare und Falten,

beobachtet die Finger,

die ein störendes Haar

vom Ohr zupfen.

 

Wie froh bin ich,

daß ich meinem Spiegelbild

gegenübertreten kann,

Auge in Auge

 

ohne den Blick senken zu müssen.

 

 

(Februar 1999)

 

ñ

   

GESCHÄRFTE SINNE

 

 

mit meinen

weitsichtig gewordenen augen

erkenne ich plötzlich

bisher nie erblickte

details

 

mit meinen

hellhörig gewordenen ohren

höre ich jetzt

nie zuvor gehörte

töne

untertöne

zwischentöne

 

warum

spricht mein herz nicht ebenso an

auf die veränderten signale

kann es nicht

oder

will es nicht

 

hat es sich

denn nicht gleichermaßen entwickelt

wie auge und ohr

 

 

(Februar 1999)

 

ñ

   

SIRENEN

 

 

im krieg

bevor

die flugzeuge

dröhnten

die bomben

detonierten

der keller

zusammengepferchten angstschweiß

gebar

warnten uns

die sirenen

 

wer

warnt mich heute

im frieden

 

 

(Februar 1999)

 

ñ

 

   

Kriegskinder

 

 

Als wir

die Sirenen nicht mehr hörten,

wurden wir

ruhiger,

fröhlicher.

 

Lange noch

aber kehrte sie zurück

in unseren

Träumen:

die Angst.

 

 

(Februar 1999)

 

ñ

   

OPFER - TÄTER

 

 

einige wochen

brauchte ich

um abstand zu gewinnen

von meiner

AKTE

 

jetzt

frage ich mich

was brachte meinen IM dazu

mich zu bespitzeln

mich zu entwürdigen

mich zu einem vorgang zu machen

 

ist er nur

TÄTER

oder ist er nicht auch

OPFER

 

 

(Februar 1999)

 

ñ

   

WENDE

 

 

Viele Jahre

wurde mein Handeln

gegen Unfähigkeit, Willkür und Dummheit bestimmt durch

ZORN.

 

Menschen wenden das System,

das neue System wendet auch Menschen.

Opfer und Widerstandskämpfer gibt es nun zu Hauf.

Ich, diese wundersame Wandlung registrierend, fühle

VERBITTERUNG.

 

Ich erlebe das System des bisherigen "Klassenfeindes",

beobachte kritisch, versuche zu leben,

und registriere: man kann gut leben, wenn man sich anpaßt,

und manches scheint besser, als gedacht.

Ich kann und will nicht leugnen mein

ERSTAUNEN.

 

Jahre nie gekannten Wohlstandes

gehen einher mit Herzlosigkeit, Kälte, Oberflächlichkeit

und der Erkenntnis, daß der Unterschied zwischen

beiden Systemen nicht sehr groß, da die Menschen

die gleichen bleiben.

Dies erkennend, bemerke ich in mir zunehmende

GLEICHGÜLTIGKEIT.

 

Zorn, Verbitterung, Erstaunen und schließlich

Gleichgültigkeit,

wie verschieden voneinander und doch

miteinander sind sie verknüpft.

Ich analysiere meine Wende und frage mich:

SOLL ES DAS SEIN?

 

 

(Januar 1999)

 

ñ

   

Straßenkinder

 

 

Ahnend,

was diese Gesellschaft hervorzubringen im Stande ist,

wissend,

daß Leben - "das Wertvollste, was der Mensch besitzt" -

nicht immer lebenswert ist,

sah ich vor kurzem Bilder

von Straßenkindern in

Deutschland.

 

Ohnmacht

ergriff mich, auch Wut,

aber auch

Dankbarkeit.

Dankbarkeit darüber, daß meine Kinder die Straße

so

nie kennenlernten.

 

 

(November 1998)

 

ñ

   

VIDEOTHEK DEMOKRATIE oder

AB 18 JAHREN FREIGEGEBEN

 

 

O homo, hetero, ob bi,

wir zeigen alle Formen.

Ob vaginal, anal, oral,

für uns gibt´s keine Normen.

Erlaubt ist alles, was gefällt,

entscheidend ist, es bringt uns Geld.

Wir kennen keine Schranken

für Freiheit und Gedanken.

Auch allerneu´ste Renner

für Psychos und für Penner

mit kleinen Kindern und mit Vieh,

hereinspaziert, wir haben sie

- die Videothek "Demokratie".

 

 

(November 1998)

 

ñ

   

APPETIT

 

 

Seit ich weiß,

daß ich alles haben kann,

wenn ich

Geld habe

oder

mich verkaufe,

um Geld zu haben,

damit ich

alles haben kann,

fehlt mir der rechte Appetit,

um mich

an dem zu freuen,

was ich haben kann

und was ich habe.

 

 

(November 1998)

 

ñ

 

ñ

Stadtpläne

Unendlichkeit

Zeit haben

Staunen

Nie sah ich ...

Medien

Weggefährten

Spiegelbild

geschärfte Sinne

Sirenen

Kriegskinder

Opfer- Täter

Wende

Straßenkinder

Videothek

Appetit