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Inhalte des Lesebuches Romanfragment |
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War schon jemals solch ein Kind?Prolog
Mein Kind
War schon jemals solch ein Kind? „Papa, komm!“ Ich laufe auf es zu, ich renne, ja, ich springe ihm entgegen. Es hat mich im Griff, obwohl ich es bin, der es fasst, der es hoch wirft, der es auffängt und wie einen Flieger über die Wiese dieser Welt gleiten lässt, mit allem Schwung, den ich aufzubringen in der Lage bin. „Papa, der Käfer da unten!“ Ein normales Kind. Eins wie alle anderen. Ein Kind eben. Ein Kind meiner Phantasie. Und doch, es ist noch mehr. Meine Phantasie hat mich zu diesem Kind gebracht, sie hat mich dazu gezwungen. Es hatte nur dieses Kind werden können. Ein Kind dieser Zeit. Ein Kind, so zuvor wohl nie gewesen. Ein Kind, dem gegenüber ich mich so schäme. Ein Kind, das damit zurecht kommen wird. Zurecht mit allem. Anders als ich, als wir es damals mussten. Ich meine, diese Welt, die ich da hatte, damals, diese Welt wäre auch für mein Kind hier die beste. Doch, die Welt ist anders geworden. Neu. Ich bin nicht zu bieten in der Lage, was meine Eltern ihrem Kind geboten hatten. Die Welt von heute, sie bietet mehr, bestimmt. Sie ist ja auch älter geworden. Aber ich, was habe ich zu bieten? „Papa, wir müssen heim, ich habe Hunger!“ Mein Kind scheint mich ganz im Griff zu haben. Mir ist, als sei es mir in meiner Zeit voraus, als begriffe es die Welt jetzt hier viel besser, als ich es je zu wollen scheine. Mein Kind, manchmal scheint es mein Problem erkannt zu haben. Es ist ein Kind meiner Phantasie. Ich sehe, wie es mich am Arme zieht, wie es mich mitnimmt, endlich aus den Träumen raus zu fallen, endlich mich nun zu besinnen, was vor meinen Füßen liegt, dort, wohin man sich nur beugen braucht, um es mit den Händen auch zu greifen. Mein Kind ist es, dem gegenüber ich das schlechteste Gewissen habe, dass man haben kann. Es ist durch mich zum Leben gekommen, in einer Zeit, die ich selbst nicht ganz verstehe. Ich verstehe sie nicht, weil sie nichts von dem in ihrer Zukunft zu finden scheint, was mir im Vergangenen so lebenssinnvoll war. Zu nah jene Zukunft, die zu wenig von dem allen haben wird, was uns gerade jetzt noch allzu wichtig ist. Mein Kind, da hinein habe ich es hier geboren. So, wie je noch keines war. Ich spüre es. Sein Wesen ist es, das mich fasziniert. Eine Art der Bewegung, eine ach so menschlich klare. Eine gegenwärtige. Mein Kind lebt in der Gegenwart. Es greift sich, was da liegt. Es nimmt sich alles, so wie ich es nimmer könnte. Es kann mit jedem etwas anfangen. Unbekümmert, keine Angst vor irgendwelchen Fehlern der Vergangenheit. Zukunft? Das scheint ihm egal zu sein. Ich mit meinem Zögern, ich mit meinem Grübeln. Ich bin ihm da nur die Bremse. Und doch, dieses Kind da, meines, es nimmt mich mit. Ich lasse mich von ihm geleiten. Geboren hab ich es? Nein, „Papa“ hat es da zu mir gesagt. Gezeugt kann ich es haben. Mehr nicht. Und doch, ich habe dieses Kind. Ich habe es gezeugt. Also. Ich habe es gezeugt. Mit wem? Wer bin ich? Warum habe ich dieses Kind gezeugt? Was hat mich dazu geführt? Ein Kind, das kommt nicht von allein, so allein, wie mein Wille dazu immer wäre! Was hat mich zu diesem Kind geführt, das hier ist, wie je noch keines war? Es muss die Zeit gewesen sein. Unsere Zeit, diese ach so sehr verrückte. Verrückt gemacht, hier, doch nur durch diese Menschen. Diese Menschen, die wir alle selber sind. Nichts sind wir zu bringen in der Lage, das uns selbst in unserer Zukunft nicht gleich überholen würde. Schwerer Satz will sagen: es überholt uns doch, das, was wir in der Menschen Tun geworfen haben. Wir ahnen es nicht, was die Gemeinschaft mit uns tut, mit dem, das einst wir waren. Nur mein Kind! Es schert sich nicht darum. Es lebt im Jetzt. Jetzt, so wie sie! Wie wer? Wie sie? Sie? Mein Kind, es würde „Mama“ zu ihr sagen. „Mama“, „Mutter“, meine Frau. Meine? Nein. Meine dann wohl niemals nie. Selbst ist sie sich treu geblieben. Ihrer selbst war sie verpflichtet. Ihrer selbst um aller andrer Willen. Niemals hat sie meine werden wollen. Es ist nie so gewesen. Und doch, „mein“ Kind. Ist es wirklich meins? Hab ich ihm wirklich was zu sagen? Hat es mich nicht selbst schon längstens überholt? Kann ich da von „meine“ reden? Meine war doch nur die Pflicht, ihm das seine hier zu geben. Hier, im Jetzt. Hier und jetzt, die Dimensionen. Dimensionen, die alle noch die Linien brauchen, die Linien, die dem Ganzen geben, was es braucht zum Sein. Wie nur, Wie nur komme ich zu diesem Kind? Ich brauche es, ich weiß es. Ich brauche es. Ich brauche dieses Kind! Wozu? Wozu brauche ich ein Kind? Jedes Tier kommt zu seinem Kind, die Natur hat ihm den Trieb dazu gegeben, wenn sie ihm dann auch die Stärke gab. Ich aber? Ich, ein Mensch? Welcher Trieb nur soll es sein, der Trieb, der einen Partner braucht? Ich grübele weiter. Weiter über unsere Zeit. Weiter über dieses Jetzt, mit dieser ach so abgeschriebenen Vergangenheit. Mit diesem Schreien in die Zukunft. Die Linie einer ... Dimension! Die Linien der anderen, die wir alle so gut kennen, die sehe ich hier vor mir. Überall. Die sind so einfach. Sie sind es, an die wir uns so klammern. Länge Breite Höhe – Tiefe! Tiefe, ja, die ist was Besonders bei diesen Dimensionen. Wie oft bin ich schon ins Zweifeln gekommen, als von Tiefe die Rede war? Mein Kind, wird es das begreifen, was wir da manchmal so mit „Tiefe“ meinen? Tiefe eben. Tiefe ist da, damit wir etwas rein bekommen, hinein in den Raum, rein in seine Tiefe! Ich denke weiter nach. Ich suche diese Welt, sie will sich mir nicht öffnen. Was nur, was haben wir da drin für dich, mein Kind? Wer bist du, wer wirst du sein, mein Kind? Du als etwas hier und dort in dieser Welt. Du als jenes Wesen, für dessen Weg in diese Welt ich mit verantwortlich bin! Ich bin es, ich weiß das ganz genau. Mein Kind, wo kommst du her? Was hat dich zu mir gebracht, obwohl du doch genauso auch aus mir gekommen bist? Mein Kind, ja, das bist du. Aber du bist noch viel mehr. Mein Kind, ich suche dich! Ich suche alles. Alles, was du bist, denn du bist mehr. Viel mehr bist du schon. Weit mehr als nur das Viele, das da zu irgend welchen Teilen aus mir kam. Viel, viel mehr als das. Ich suche dich, hier in der Tiefe. Ja, jede Menge haben wir davon. Du als Menschenkind, musst du nicht genauso nur aus einer ganz so menschlichen Tiefe kommen? Du, so ein Kind, wie hier noch keines war? Ich grabe ein Loch. Ein tiefes! Aber, ach, ich denke mir, es soll ein weites Loch sein. Ich denke mich zu Euch, ihr Menschen, die ihr da die größten Löcher grabt. Und die tiefsten. Nein, beides gibt es nicht auf einmal. Ich ziehe mir zunächst die größten Löcher vor, die mit der weitesten Tiefe, die dann auch mit jener weiten Bedeutung. Gigantisch weit und damit wohl nicht minder grausam. Ja, da sitze ich. Da vorn, da, ganz genau, jetzt, hier auf dem Bagger. Ein Bagger muss es sein, mit dem ich meine Suche beginne. Für dich, mein Kind! Ein Bagger ja, ach so typisch für die Zeit, die unsere. Umbruch. Aufwühlen. Berge versetzen. Berge müssen versetzt werden, um den Weg zu dir zu finden. Doch, ich nehme mir den größten aller Bagger. Für das größte Loch mit der weitesten Tiefe. Ich grabe nach dem, was wir so dringend brauchen. Ich grabe nach der Kohle, hier im weitesten Loch: Braunkohle. Dieser braune schwarze Stoff, in Brocken und in Staub, den wir aus der Erde kratzen. Dieser Stoff, für den wir sonst etwas zu opfern wagen. Bereit, um uns des Einen zu bemächtigen, des Einen, mit dem wir uns so sehr betrügen. Halt, was soll hier eine Meinung? Mein Kind, die nützt dir nichts! Leben sollst du, finden deinen Weg. Den hinein in diese Welt, die wir dir hier ermöglichen. Und doch, die Kohle ist es, die so viel ermöglicht, die uns gibt, was wir nur zu nehmen brauchen. Die Kohle, die uns als erster dieser Stoffe dahin brachte, es zu finden, was uns unsre Erde schenkt. Und sie tut es heute noch. Wirklich. Ich setze mich jetzt hin, auf diesen Bagger. Und wieder verstecke ich mich. Jetzt auf dieser Suche, der, für dich, mein Kind. Ich denke mich hinein in diese Szene. Oben, vorn, da auf dem Bagger. Sein Quietschen ist fast lauter noch als das meine Denken. Es scheint sie töten zu wollen, meine Gedanken. Ich wehre mich dagegen. Dieses allgegenwärtige Klappern und Quietschen! Es kann nicht anders sein: ein Stöhnen, ein Schreien gegen diese Menschenmacht, die dieses Ungetüm von Stahl da in die Erde zwingt. Ich denke mich hinein. Wahrhaftig fühle ich mich jetzt hier oben. Mitten drin in diesem Lärm, von aufgewühltem Staub getragen. Meine Gedanken gehen über, rein, hinein in die Maschine. Sie gehören mit dazu, zu diesem Prozess. Sie wandeln sich zu diesem Baggerfahrer. Oh, sie schwindet, meine Sehnsucht zur Ergründung meines Kindes, zur Ergründung seiner Welt, in der es hier und heute lebt, gefestigt auf dem Allen, was doch nur Erinnerungen sind. Geworfen dahin, wo noch kein Halt zu sehen ist, von dem, was da geschehen wird. Meine Gedanken fangen an zu sterben, hier in dieses Staubes Lärm, der den Gelenken der Maschine Krieg bedeutet. Krieg, den diese mir als Lärm entgegen wirft – dennoch: meine Konzentration ist hier woanders. Wie die Partisanen kämpfen sie dagegen an. Meine Gedanken. Scheinbar längst verloren, halten sie sich da ein Hinterland. Ich fahre diesen Bagger, ich lenke seinen Ausleger mit dem Rad der scharfen Schaufeln rein, hinein da vorn in diese Erde. Ich bin der Baggerfahrer, jener, der da einen Namen hat. Einen Namen, den er haben muss, denn er bleibt der Herr, der über diese Maschine, gegen diese Erde.
Vorschnittbagger
Noch hatte er seine Gedanken, Tobias Maltsch. „Schau sie dir an“, hatte Grawert gesagt. Hans Grawert, um genau zu sein. „Schau hin! Begreife, ja, begreife ihre Formen!“ Nur, Tobias, der verstand es nicht. Er konnte es nicht verstehen, er sah es gar nicht. Er war abgewandt. Ganz anders dachte er auf seinem Bagger, da im Lärm. Tobias Maltsch sah Anderes. Er dachte mit dem Allen, was er immer vor sich sah. Aufs Hören hatte er zum Denken verzichten gelernt. Viel zu laut, was ihm den Geist da rauben wollte. So sah er nicht, was er hörte, dafür war er blind. Susanne gelangte nicht in seinen Blick. Noch nicht. Sie war heute morgen aufgetaucht. Einfach so. Es hatte sich herumgesprochen. In der Frühstückspause hatte es Tobias von Grawert erfahren: sie solle zu ihm kommen, auf den Führerstand, auf dem Vorschnittbagger. Fast wollte ihn doch die Unruhe ergreifen. Eine Frau auf dem Bagger! Ganz vorn, im Führerstand, in nächster Nähe zu dem großen Schaufelrad, so groß wie ein Haus. Es war zu ahnen gewesen, dass diese Woche Aufruhr brachte. Immer weiter hatte er sich heran gearbeitet, immer näher. Eine Zeile stand er noch davor, eine Reihe, eine Spur. Davor, vor dem ersten Wonrather Gut. Bis Wonrath, so schätzte er, würden es noch gut dreißig solcher Reihen sein, Probleme erst fürs nächste Jahr. Jetzt aber, jetzt ging es an den Anfang. Wonrath stand auf dem Spiel. Wonrath, der kleine Ort, dessen Einwohner um das Letzte kämpften, das Letzte, was sie sich zu halten hofften. Wonrath sollte abgebaggert werden. Das erste Gut, das eigenwillig frei im Feld gelegene, das mit nur einem Zuweg, das, über das man sich wirklich hatte wundern können, das war schon weg. Andere Baggerspuren waren hier zu sehen, die vom Abrissbagger. Tobias Maltsch sah sie genau. Kläglich kamen sie ihm vor, wie Spielzeug, wie im Sandkasten seiner Kindheit hingeschmissen. Er würde diese Spuren vernichten. Die letzten, die hier Menschen auf die Erde gezeichnet hatten. Die letzten. Tobias Maltsch hatte sich zu jenen Menschen gesellt, die beseitigten, was an der Oberfläche geschehen war. Sie lösten es in Sand auf, sie schufen dafür ein Loch. Die Schaufeln da vorn, unermüdlich im Kreis drehten sie sich, um die Welle in ihrer Mitte herum. Mühsam - gegen Sand und Staub mit zähem Fett in leichtem Gang gehalten - drehten sie sich, als wäre alles nur die üblich größte Selbstverständlichkeit. Haufen um Haufen hoben sie aus dem Boden. Mehr als schubkarrengroß die einzelne Portion. Hell und dunkel, schwer und leicht, feucht und trocken. Tobias Maltsch hatte Gefühl dafür. Tobias Maltsch trug Verantwortung, er tat es gern. Er brauchte das. Sonst wäre er sich selbst nicht treu geblieben, sonst wäre er in irgend einen Wahn verfallen, derer Versuchungen es hier so viele gab. Nein, er wurde der Aufgabe gerecht, war dabei mit allen Sinnen. Guten Boden trennte er von schlechtem. Er ließ ihn hindurch durch das Gewirr, das der Verdauungstrakt seines Stahlungetüms war. Er wusste, dass der Boden sicher über die ewigen Bänder der Förderanlage und schließlich über die große Förderbrücke bis hin zur anderen Seite des Tagebaus gelangte. Dort drüben, dort, wohin er in die Ferne blicken musste, dort am anderen Rand des gigantisch weiten Loches mit seinem braunen Boden, dort wurde neues Land geschaffen. Neues, das zu oberst seinen hier geraubten Boden brauchte, den fruchtbaren. Tobias Maltsch passte auf, dass der tiefer liegende tote Sand weg von seiner Krume blieb, die hier so wertvoll war. Das war die eine Aufgabe, die er hatte. Die andere, die bestand darin, den wunderbaren Boden, die Formen dieses Landes, in eine glatte Ebene zu verwandeln. Tobias konnte das genauso gut. Die eigenen Füße, die gewaltigen Raupen seines „Erdefressers“, wie er seinen Bagger trotzig nannte, brauchten glatte Ebene. Eine Ebene, von der er sich abstoßen konnte, abstoßen, hinein in den Vorschnitt: Vorschnittbagger. Er schnitt. Er schnitt vor. Er schnitt hinein, in das ewig urbar sich gezeigte Land. Voran, um es dem Tross hinter ihm zu ermöglichen, das herauf zu holen, was der Boden hier einst überdeckte: schwarze, braune, harte Kohle. Ewigkeit, die Feuer nähren sollte. Verbrannt. Aus und vorbei. Verbrannt nach halbem Wirkungsgrad in Energie, die den Menschen ihr Treiben leichter machen sollte. Ihr Treiben in der viel zu flachen Tiefe. Gut so, aus. Tobias Maltsch, er tat es. Er bereitete den Weg, er schnitt weg und ebnete ein. Was nur hatte Grawert gewollt? Sein Chef, bestimmt auch sein Freund. Nein, Quatsch. Natürlich, Grawert war sein Freund, Tobias wusste, was er ihm zu verdanken hatte. „Achte auf die Formen!“, hatte er gesagt. Heute Morgen, so ganz im Ernst, so gar nicht zynisch. Nein, Grawert konnte so nicht sein. Er war immer ehrlich, immer ernst. Und, er meinte es gut. Immer. Die Formen! Als ob er darauf nicht sowieso stets achten würde. Die Formen, die sind ja sein Werk. Er muss sich ihnen anpassen, ihnen fügen. Sie sind es, was er so gut sehen kann. Wenn er sich ihnen fügt, wenn er auf sie reagiert, dann bekommt er auch die Ebene hin. Ebene, für die er die Formen beseitigen muss. hierbinichjetzt Doch, Grawert hatte recht. Hier waren besondere Formen zu sehen. Ja, er sah es. Dieses ehemalige Gut, es lag auf einem Hügel. Nein, kein Hügel, es war eine Wölbung. Richtig. Eine Wölbung. Ja! Jetzt sah er es noch besser. Woran sich da seine Schaufeln näher fraßen, immer im Halbkreis der Ebene, die der Schwenkmechanismus seines Auslegers zum Vorfraß für das Schaufelrad bestimmte, das musste wirklich eine besondere form sein. Woher Grawert das bloß wusste?! So stellte er sie sich vor, diese Form, die er noch nie berührt hatte, noch nie in seiner warmen Hand, obwohl, geschickt genug, wäre sie gewesen, um sich um diese Wölbung da zu legen. Übergroß, ja gigantisch haargenau der Natur da nachempfunden zeichnete sich das da jetzt vor ihm ab. Er sah es es begeisterte ihn, er dachte sich hinein: dieser Hügel da vorn, er war nicht wie die anderen abgespült, vom Wasser jahrelanger Erosionen glatt geformt an seinen Flanken, Nein, er hatte etwas von der Wölbung rund um sich herum nach außen. Er hatte sich die warme Kugelform erhalten. Er lag da, kein strenger Kegel, dem die Wallung fehlte, er hatte es, das alles, was es brauchte, um dem Baggerführer dieses Bild zu schenken, dass er sich sonst kaum denken konnte. Was die Natur doch nur zu schaffen in der Lage war! Tobias staunte. Er machte sich Gedanken. Er würde auch diesen Auswuchs dieser Erde schneiden müssen. Vorschnitt. Vorschnitt für noch viel tieferes Graben. Er musste sich wundern. Wie nur, wie hatte sich der Boden dort auf diesem Hügel nur erhalten können? Wieso war er nicht glatt gespült, so wie alle anderen, der hier so seltenen Erhebungen der pleistozänen Serie? Wieder hatte er so einen Bogen geschafft, wieder war der Vorschnitt einen Schritt weiter gekommen, weiter, weiter hinein, hinein in unabdingbare Grundveränderung. Er musste sein Fahrwerk bemühen. Vorwärts ging es noch ein Stück, neuen Raum für das Schaufelrad gewinnend. Raum, den ließ er hinter sich, Raum, der unter sich die Ebene gewann. Neben sich das Hilfsgerät. Das mobile Förderband, das seine Verbindung zu dem Geschehen dahinter bildete. Es musste ebenso gerückt mit werden, so dass die Verbindung erhalten blieb. Bis hin zur Förderbrücke musste seine Erde. Nahtlos gefügt sein sollte der Transport der hier für ihn so lebendig warmen Erde. Geschafft. Nun wieder los die Schaufeln. Wieder rein, tief da vorn, da in den Boden. Wieder neues stetes Spiel der Schaufeln, ströhmeweise dünnen Staub gleich neben sich verlierend. Wieder sah er hin, dort drüben, dort bei dieser Form. Jetzt der neue Blick. Jetzt, ja Ach! Da war auch noch der Stups darauf, genau da in der Mitte, nein, etwas heran zu ihm vom Zentrum des Grundes aus verschoben. Der ganze Hügels tand so schräg, seine eine Seite etwas glatter ziehend, die gegenübere hingegen hatte doppelt von der Wölbung seines Wallens gewonnen. Und, ja, der kleine Stups da oben drauf. Tobias fand kein besseres Wort dafür, was die Biologen für sein lebendiges Ebenbild, das im Ganzen auch in seine Hand so wunderwarm und weich nur passen würde, was sie seinem Stups darauf als namen mitgegeben hatte. Es klang ihm zu profan, viel zu nüchtern, ja, wohl alles andere da als schmeichelhaft. Obwohl, ein jeder muss es mal in seinem Mund gehabt haben, Allerdings doch aus der Zeit, an der die eigenen Erinnerungen sicher fehlten. Tobias Maltsch achtete auf diese Form. Er wunderte sich. Sie lag noch hinter diesem Gut, das langsam nun sein Opfer wurde. Weiter fraßen seine Schaufeln, weiter nahm er ihm die Existenz. Dahinter dieser Hügel. Was nur mochte es sein, was da oben in der verschobenen Mitte aber trotzdem auf dem höchsten Punkte stand? Es mussten Steine sein, er ahnte es. Er achtete auf die Form, er träumte sich hinein. Er war begeistert. Rääätsch! Da saß er fest! Verdammt, ein Findling? Der Bagger stand, das Schaufelrad, es stöhnte. Mist! Tobias sah es nicht genau, was ihn hier bremste, was hier dem Vorschnitt härter noch entgegen stand. Er stellte alles ab, was da jetzt nötig war. Schon war er draußen, raus nur aus dem Führerstand! Sehen, was da vorn geschehen war. Ich denke mir den Bagger kleiner. Habe ihn gesehen, in der Zeitung, im Schmähartikel, im Luftbild, dem gegen das letzte Haus gemachten. Der Bagger dieser Art, der, vor dem ich andermal habe stehen dürfen, der war viel mehr Koloss. So groß als Koloss, dass er menschliches vergessen ließ. So groß, dass er den Glauben mir nahm, hier etwas sein zu können. Nein. Mein Bagger ist der von jenem Bild: kleiner, menschlicher, begreifbarer auch trotz seines Schaufelrads. Angepasster der Materie ist er, der Bagger, auf dem Tobias nun den Führerstand verlässt.
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